Lass los, dass Neues werden kann
Besinnung / Der verblühte Löwenzahn lässt Tausende von Samen los, damit im Frühling Neues wächst. Die Natur – Vorbild des Loslassens
Unterschächen
Der Urner Bäuerinnenverband lud zum Besinnungstag ins Hotel Alpina in Unterschächen zum Thema «Loslassen, eine Kunst». «Ich bin überwältigt und sehr erfreut, dass ihr euch einen Tag zum Loslassen gönnt», begrüsst die Präsidentin Marie-Theres Tresch die über 80 Bäuerinnen und den geistlichen Begleiter Pfarrer Bruno Werder.
Geballte Hände können nichts aufnehmen
Die Referentin, Klara Niederberger aus Stans, weiss, wie hart es sein kann, loszulassen. Mit dem Spruch, «Befreie dich von unnötigem Ballast, bevor du dich auf die Suche nach dem Glück machst», führte sie in ihr Referat und erzählte, dass sie selber drei Kinder verloren hat und lernen musste, loszulassen. «Abschied nehmen ist ein Teil vom Leben, Loslassen ist ein Prozess, den wir machen müssen oder dürfen», so die Referentin und fügte an: «Es braucht alles seine Zeit und macht auch Angst, sei es, eine Beziehung loszulassen oder auch einen Betrieb in die Hände der jungen Generation zu geben.»
Beim Meditieren mit Zitaten, die zum Nachdenken bewogen, wurde bewusste ein- und ausgeatmet (nehmen und geben) oder die Hände zur Faust geballt und geöffnet, was bedeutet: Wenn du die Hand zur Faust ballst, kann dir weder jemand etwas hineinlegen, noch kannst du mit ihr etwas aufnehmen. Klara Niederberger zeigte auf, dass es mit einfachen Übungen möglich ist, Neues aufzunehmen und meinte: «Wenn wir alle offen sind füreinander, geht es uns viel einfacher.»
Baum als Symbol fürs Loslassen
«Wir können vom Baum lernen. Er lässt im Herbst über 100 000 Blätter los. Er braucht sie nicht mehr, wird frei, damit Neues werden kann. Im Winter ruht er und ist im Frühling bereit für Neues», vergleicht Klara Niederberger es mit unserem Leben. «So mache ich es auch. Ich lasse Unnötiges los, dies gibt mir die Möglichkeit, Neues aufzunehmen». Auch der jetzt anstehende Frühjahrsputz ist ideal, sich von Altlasten (materiell/seelisch) zu befreien.
Klara Niederberger fordert auf, zu Hause aufzuräumen, was immer wieder auf die Seite gelegt wurde. Entweder könne man etwas auf Probe wegwerfen: In einen Sack oder eine Schachtel für ein Jahr in den Keller bzw. Estrich stellen. Wenn man es nicht vermisst, heisst es: wegwerfen. Oder man lege Ungebrauchtes in eine Schublade und räume diese von Zeit zu Zeit. Das gibt wieder Platz für Neues.
Probleme lösen, bevor der Rucksack zu schwer wird
Viel Lehrreiches konnten die Anwesenden aus den vorgelesenen Zitaten des «Bäuerinnensicht – Schweizer Bäuerinnen erzählen aus ihrem Leben»-Buch entnehmen. Geschichten, die Bäuerinnen aus ihrem Leben schrieben wie «Abschiednehmen beginnt bei der Geburt» und «Vom Katzentürchen und vom Loslassen».
«Tragt nicht zu viele Probleme mit euch herum, sondern löst diese sofort, bevor der Rucksack zu schwer wird», fordert Niederberger auf und beeindruckte mit ihrem Schlussgedanken: «Nach einer langen Wanderung in den Bergen komme ich nach Hause, ziehe die Schuhe aus, lege den Rucksack weg und nehme ein erholsames Bad – das sollte man mit seinen Sorgen auch machen.»
Während des Mittagessens wurde rege über das Loslassen diskutiert – frau war froh, an diesem Anlass teilgenommen zu haben. Mit den Gedanken, sich zu Hause von etlichen unnötigen Sachen zu befreien, begaben sich die Bäuerinnen am Nachmittag zur heiligen Messe in die Pfarrkirche Unterschächen.
Erika Rebsamen
Das Buch «Bäuerinnensicht» ist erhältlich bei: Schweizer Agrarmedien, Telefon 031 958 33 37 oder verlag@agrarmedien.ch.
Einsichten-Tipps
Ich darf Fehler machen – aber wenn möglich, nicht immer die gleichen.
Ich leiste mein Bestes, nicht «das Beste».
Ich bin für mich und nicht für meine ganze Umgebung verantwortlich.
Ich entscheide mich hier und jetzt – morgen könnte ich wieder anders handeln.
Ich darf etwas nicht verstehen.
Ich habe das Recht zu sagen: «Ich weiss es nicht.»
Ich muss mein Verhalten nicht rechtfertigen.
Ich habe das Recht, mich um etwas nicht zu kümmern.
Ich kann nicht immer alle meine Bedürfnisse befriedigen.
